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Gerhard Schröder zu "Hidden Champions"

Bundeskanzler Schröder zur Kultur des Wirtschaftens in Deutschland
Veröffentlicht am: 03.05.2005

Vor wenigen Tagen, am 25. April 2005, hat sich Bundeskanzler Gerhard Schröder anläßlich des Berliner Forums "Hidden Champions" der Friedrich-Ebert-Stiftung ausführlich zur Kultur des Wirtschaftens in Deutschland geäußert. Wir dokumentieren die Rede im Wortlaut:

Verehrte, liebe Frau Fuchs, meine sehr verehrten Damen und Herren!
Ich freue mich, ein paar Bemerkungen über das Thema Ihres Kongresses machen zu können. Ich freue mich, keine Grundsatzfragen zur Wirtschaftspolitik beantworten zu müssen, sondern über die "Hidden Champions" reden zu dürfen und zu können, aber im Zusammenhang damit natürlich auch über die Grundlagen, auf denen sie entstehen konnten und weiter entstehen werden. Wir haben nach 1949 in der Bundesrepublik mit der sozialen Marktwirtschaft einen besonderen, einen sehr eigenen Weg eingeschlagen. Einen, wie der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser meint, "deutschen Weg der Wirtschaft" und keinen schlechten, wie wir in den vergangenen Jahrzehnten erfahren konnten.
Hauptkennzeichen dieser deutschen Wirtschaftskultur so sollte man sie ruhig nennen ist bis heute eine solide Unternehmensführung, verbunden mit ausgeprägtem gesellschaftlichem und sozialem Verantwortungsgefühl und Verantwortungsbewusstsein. Verantwortungsvollen Unternehmen in diesem Sinne geht es eben nicht um kurzfristige Gewinnmaximierung beinahe um jeden Preis. Verantwortungsvolle Unternehmer in diesem Sinne haben ein Ziel, eine Strategie. Sie haben ein Gewissen, das nicht nur dem Umsatz, sondern eben auch dem Wohl der Beschäftigten und der ganzen Gesellschaft verpflichtet ist.

Diesen spezifischen Weg des Wirtschaftens gilt es nach meiner Auffassung zu verteidigen. Es ist keineswegs ein auf Deutschland allein bezogener Weg, sondern man könnte ihn als das europäische Wirtschafts- und Sozialmodell bezeichnen, gerade in Zeiten, wo über Europa und das, was Europa eigentlich ausmacht, diskutiert wird. Aber was sich dahinter nicht verbergen darf, sondern was hervorkommen muss, ist die Frage, warum wir dieses Europa eigentlich wollen. Diese Form von Wirtschaften ist auch deshalb ungeheuer erhaltenswert, weil sie unsere Gesellschaft zusammenhält. Gelegentlich stelle ich mir vor, wenn man die enormen Veränderungen, die wir weiter brauchen damit ich auch klar verstanden werde und die wir durchgesetzt haben, ohne diesen spezifischen Weg und ohne diese spezifische Verantwortung hätten machen müssen, hätte das unsere Gesellschaft zerrissen.
Wer mir im Übrigen erzählen wollte, dass dieser spezifische Weg des Teilhabens nicht nur am Haben, sondern auch am Sagen in der Gesellschaft uns ökonomisch geschwächt und nicht gestärkt hätte, dem würde ich schnell gerne einen Irrtum nachweisen. Dieser Weg, den wir nach 1949 eingeschlagen haben, hat Deutschland nicht schwach, sondern stark gemacht. Gelegentlich sollten wir uns dessen erinnern, und zwar auch in den Auseinandersetzungen mit Gesellschaftsmodellen, die uns als wohlfeil angeboten werden kommen sie nun aus der einen oder anderen Welt in der Triade. Ich finde, dass es deswegen gut und richtig war, liebe Frau Fuchs, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung genau dies zum Thema gemacht hat.
Es gibt in unserem Land Tausende von Unternehmen und Unternehmern, die diesen Weg nach wie vor für richtig halten und die diesen Weg auch nach wie vor beschreiten, und zwar mit großem Erfolg. Sie unternehmen wirklich etwas und übernehmen nicht einfach etwas. Sie schaffen damit Tausende von Jobs, anstatt bestehende zu verlagern. Sie zahlen Steuern in Deutschland. Das gibt es, und das muss unterstrichen werden. Sie investieren mehr in Forschung und Ausbildung als andere Unternehmen. Sie wollen und werden das auch weiter tun. Sie schwören im Übrigen auf bewährte deutsche Tugenden, die gelegentlich einmal als Sekundärtugenden bezeichnet worden sind. Das sind Fleiß, Präzision, Zuverlässigkeit und eben auch Qualität. Sie stehen kurz gesagt damit für das, was "Made in Germany" in der ganzen Welt bekannt gemacht hat und das ist jedenfalls meine Erfahrung immer noch bekannt macht. Auf meinen Auslandsreisen kann ich jedenfalls feststellen, dass das, was in diesem Begriff liegt, im Ausland gelegentlich mehr geglaubt wird als im Inland. Auch das ist etwas, was nicht so bleiben muss.
Dass wir von solchen Unternehmen nicht viel häufiger in den Zeitungen lesen, liegt daran, dass sie gut sind und dass sie Öffentlichkeit eher meiden. Außerdem sind sie oftmals derart spezialisiert, dass nur wenige verstehen, was sie machen und wofür man sie braucht. Ich spreche von den so genannten "Hidden Champions". Das sind Unternehmen, die wenig bekannt sind jedenfalls in der allgemeinen Öffentlichkeit , die aber dennoch, oder gerade deswegen, außerordentlich erfolgreich sind. Sie sind häufig Weltmarktführer auf ihren jeweiligen Gebieten.
Meine Damen und Herren, der Erfolg der "Hidden Champions" erwächst in aller Regel aus ihrer enormen Innovationskraft. Darin liegt ja auch der Grund, warum wir sagen: Die Kehrseite der Veränderungen im Sozialsystem ist, Ressourcen frei zu bekommen, um sie genau in diesem Bereich der Verstärkung der Innovationskraft der deutschen Unternehmen investieren zu können. Bei diesen Unternehmen herrscht übrigens nicht weniger Druck als auf anderen Märkten. Aber sie begegnen diesem Druck in anderer Weise. Anstatt jeden Tag eine neue Story für die Analysten und Börsianer zu erfinden, erfinden die "Hidden Champions" lieber jeden Tag oder fast jeden Tag neue Produkte und machen sich an die Vermarktung derselben. Das erwarten übrigens ihre Kunden von ihnen. Nur so können sie ihre Position als Marktführer sichern und auch ausbauen, wo immer es ihnen möglich ist.
Einige kennen wir aus dem täglichen Leben. Man hat mir das hier aufgeschrieben. Ich sage das auch so, aber ich muss um Entschuldigung bei denen bitten, die jetzt nicht genannt werden: Fischer Dübel zum Beispiel, mit dem jeder etwas zu tun hat und der eine unglaubliche Erfolgsstory ist, Brita Wasserfilter, der Getränkekarton Tetrapak oder die Klingelanlagen von Siedle. Diese anscheinend unspektakulären Produkte haben eines gemeinsam: Sie sind so ausgereift, dass sie weltweit jedenfalls so gut wie konkurrenzlos sind.
Andere dieser "Hidden Champions" kennen meist nur Experten. Da ist z. B. Webasto, der Autoteilezulieferer, der Fahrzeugbauer Kässbohrer oder der Orthopädie-Techniker Otto Bock. Er sitzt in Duderstadt in Niedersachsen. Wenn Sie wie ich bei den Paralympics waren, wissen Sie, dass alle Leute, die dort die Medaillen gewonnen haben und unglaubliche Spitzenleistungen erbringen, mit Prothesen laufen, die dort entwickelt und hergestellt worden sind. Ich könnte jetzt auch einen Verbandsvertreter nennen, Herrn Kannegiesser z. B., der Großwaschmaschinen in Vlotho in Nordrhein-Westfalen herstellt.
Aus manchem "Hidden Champion" hat sich ein "Global Player" entwickelt. Ich war jetzt gerade beim 60. Geburtstag der Firma Würth in Künzelsau. Das ist ein solcher. Es ist wirklich bewundernswert, wie sich die Firma innerhalb von 60 Jahren von einem Zwei-Mann-Betrieb zu einem Konzern mit 49.000 Mitarbeitern entwickelt hat. Das kann man wirklich nur mit großem Respekt zur Kenntnis nehmen.
Meine Damen und Herren, diese hochspezialisierten Firmen sind ein bedeutender Faktor in der deutschen Wirtschaft wahrscheinlich der bedeutendste. Damit will ich gar nicht die großartigen Leistungen von anderen relativieren, die Automobile bauen, in Elektrotechnik, in der Chemie oder in der Pharmazie tätig sind. Aber ich finde schon, dass man deutlich machen muss, dass hier Wirtschaft wirklich mit großem Erfolg aktiv ist. Etwa 8 % der mittleren deutschen Unternehmen gehören zu denen, die man "Hidden Champions" nennt. Im Vergleich zu anderen Industrieländern haben wir in Deutschland einen besonders hohen Anteil derartiger Unternehmen. Ich glaube übrigens nicht, dass es sich dabei um einen Zufall handelt. Ganz im Gegenteil: Diese heimlichen Gewinner repräsentieren Tugenden, die gelegentlich als altmodisch oder überlebt bezeichnet werden.
Der Unternehmensberater Hermann Simon hat vor 20 Jahren den Begriff der "Hidden Champions" geprägt. Ihm fiel auf, dass der deutsche Exporterfolg weniger von Großunternehmen, sondern von vielen kleinen hochspezialisierten Unternehmen abhing. Sie beweisen: Spezialisten, die sich schnell und gut anpassen können, haben weit bessere Wettbewerbschancen als andere. Die "Hidden Champions" sind schnell und innovativ, aber sie sind und das ist auch interessant sehr bodenständig, jedenfalls in aller Regel. Interessanterweise sind viele dieser Unternehmen keine jungen Großstadtfirmen, sondern es sind ganz im Gegenteil oft sehr, sehr traditionsreiche Familienunternehmen aus dem, was man gelegentlich Provinz nennt. Auch das ist ein Grund, warum wir die Erbschaftssteuer so verändern wollen, um die bisweilen schwierige Übergabe an die nächste Generation so reibungslos wie möglich zu gestalten. Wenn die nächste Generation den Betrieb, den sie bekommen hat, zehn Jahre erhält, dann soll auf die Erbschaftssteuer verzichtet werden.
Das bezieht sich nur auf die Übergabe von Betrieben, damit wir uns richtig verstehen. Wir haben keinen Grund, Privatvermögen ohne Erbschaftssteuer vererben zu lassen. Aber es ist natürlich weit einfacher, einen eingeführten und guten Betrieb sich in der nächsten Generation weiter entwickeln zu lassen, als einen neuen gründen zu müssen.
Was interessanterweise schwieriger ist, ist die Mehrheit im Bundesrat, die nicht von uns gestellt wird, davon zu überzeugen. Aber ich hoffe, dass mir das gelingen wird. Diejenigen, die, wie in diesem Fall die Bayern, nach dem Muster vorgehen, wir stellen einmal einen forschen Antrag, weil die Ablehnung sowieso gesichert ist, werden erklären müssen, was sie wirklich wollen: ob sie mitmachen wollen oder nicht. In einem so wichtigen Bereich erwarte ich einfach, dass das, was man ansonsten vollmundig ankündigt, auch realisiert wird. Ich denke, dass das ein Punkt ist, der gerade diese Unternehmen, über die wir reden, in besonderer Weise interessiert.
Das ist ebenso überfällig, wie das, was wir gemacht haben die anderen haben zig Jahre nur darüber geredet , nämlich für Personengesellschaften die Gewerbesteuer auf die Unternehmenssteuer anzurechnen.
Meine Damen und Herren, was ist das Erfolgsgeheimnis der Unternehmen? Fast immer definieren die "Hidden Champions" ihren Markt sehr eng, entwickeln einzigartige und damit konkurrenzlose Produkte, und zwar nicht was die Ausdehnung, sondern was den Bereich angeht, in dem sie tätig sind. "Hidden Champions" verfolgen ganz gezielt eine Strategie der Weltmarktführerschaft. Egal wie groß sie sind, wissen sie übrigens, dass sie international tätig sein müssen und ihnen eine Reduktion auf den nationalen Markt nicht weiter hilft. Sie bekennen sich klar und selbstbewusst zu dem Ziel, weltweit, wo immer es geht, die "Nummer eins" zu sein und sich mit Plätzen nicht zufrieden zu geben. Diese Firmen betrachten im Übrigen Wettbewerb nicht als Bedrohung, sondern als eine Herausforderung. Sie wollen also besser sein als andere, was, wie in vielen Bereichen, auch nicht so schlecht ist.
Deshalb spielen Forschung und Entwicklung bei ihnen eine herausragende Rolle. Auch in diesem Zusammenhang eine Mahnung: Es ist wirklich ein Elend, dass wir jetzt über mehr als ein Jahr über die Frage diskutieren, ob wir bei einem Wohnungsmarkt, der gesättigt ist, die Eigenheimzulage abschaffen können, um das Geld gezielt in Forschung und Entwicklung investieren zu können. Es ist ein Elend, dass wir aus parteitaktischen Gründen in dieser Frage noch nicht weiter gekommen sind. Das muss sich ändern. Das ist wichtig für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.
Bei dieser Art von Unternehmen ist nicht nur wichtig, dass sie vorneweg sind, was die Entwicklung und das Schaffen neuer Produkte angeht. Sie sind in aller Regel auch sehr viel besser, was den Vertrieb angeht, haben also die optimale Kundenorientierung. Weil sie oftmals in hochspezialisierten Branchen arbeiten, sind guter Kontakt und ausgezeichneter Kundendienst, also nicht nur das perfekte Produkt, sondern der Service, der hinter dem Produkt steht, sehr wichtig. Mit diesem Angebot erstklassige innovative Produkte, verbunden mit einem perfekten Service können sie punkten und zeigen, dass das wichtiger ist als der Preis. Das macht ihren eigentlichen Erfolg aus. Daraus erwächst noch etwas anderes: Wenn man nicht nur gute Ingenieure braucht, die etwas entwickeln, sondern auch Verkäufer, das heißt wenn man Leute braucht, die mit Kunden umgehen können, erwächst daraus zugleich eine andere Orientierung des Wirtschaftens, nämlich sehr viel teamorientierter und mit ganz flachen Hierarchien, als das doch bei gelegentlich sehr stark bürokratisierten Großunternehmen der Fall ist.
Auch das ist ein wichtiger Aspekt: Diese Unternehmen das zeigt jede Erfahrung haben auch ein anderes Verhältnis zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, weil sie Teilhabe auch am wirtschaftlichen Erfolg gestatten. Weil sie auch in der Krise Mitarbeiter halten, können sie auch mehr verlangen. Da geht es dann nicht darum, ob man, wenn ein Auftrag besonders wichtig ist, am Sonnabend oder manchmal auch am Sonntag arbeitet, sondern es wird getan, weil die Arbeit gemacht werden muss. Insofern gibt es auch eine Beziehung zwischen der Loyalität eines Unternehmers zu seinen Mitarbeitern und der Motivation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Auch dieses Denken, dieses Verhalten macht Stärke von Wirtschaft aus und darf nicht ins Hintertreffen geraten. Es gibt auch deshalb in diesen Unternehmen eine relativ geringe Fluktuation bei den Mitarbeitern. Und: jemand der 50 Jahre alt ist, behält seine Chance, ist und bleibt etwas wert. Das ist auch ein Gewichtspunkt, der gerade in diesen Zeiten besonders wichtig sein mag und muss.
Es ist so, dass die Entlohnungsdifferenzen in diesen Unternehmen alle Erfahrungen zeigen das auch andere sind. Die Bezüge der Vorstände sind höher als die desjenigen, der eine Maschine bedient. Das ist auch okay. Aber die Differenzen sind geringer als in anderen Unternehmungen. Auch das ist nicht ein Ausdruck der Missachtung von Leistung, sondern ein Ausdruck des Respekts vor jeder Leistung. Das ist etwas, was wir uns wieder angewöhnen können.
Meine Damen und Herren, die "Hidden Champions" verfolgen eine Qualitäts- und Innovationsstrategie, die ausgesprochen globalisierungsfest ist. Sie agieren auf nachindustriellen Märkten, auf denen es weniger auf Massenprodukte ankommt, sondern maßgeschneiderte Lösungen für Probleme gefordert werden. Alle Erfahrung zeigt, dass wir als Deutsche dabei besser sind als alle anderen. Es mag in dem einen oder anderen Bereich der Spitzentechnologie Länder geben, die besser sind. Aber den Deutschen den Rang abzulaufen, was diese Art von integrierten Lösungen angeht, wird sehr schwer sein. Wir tun verdammt gut daran, diesen Vorteil, über den wir verfügen, zu bewahren und, wo immer es möglich ist, auch zu entwickeln. Unsere Ingenieure sind immer noch Weltmeister beim Lösen komplexer Probleme. Sie sind deswegen und ich erfahre das immer wieder im Ausland hoch geschätzt. Ich finde, wir sollten das bleiben, denn die Nachfrage nach solchen Lösungen wird nicht geringer, sondern wird nach meiner festen Überzeugung größer werden, sodass hier große Chancen, aber auch immer noch vorhandene Marktlücken für eine hochspezialisierte Wirtschaft liegen.
Wir müssen dabei jene Tugenden bewahren, über die ich geredet habe. Wir müssen kompetent, schnell und vor allen Dingen zuverlässig auf diesen Märkten agieren. Wir müssen die Besten sein. In dem Maße, in dem wir das sind, brauchen wir nicht die Billigsten zu sein. Ich glaube, das ist auch eine Erfahrung, die man macht, wenn man sich in politischer Funktion, aber doch sehr häufig in Außenhandelsfunktion in anderen Ländern dieser Welt aufhält. Um das einmal klar zu sagen: Wenn ich unterwegs bin, wird mir gelegentlich vorgehalten, dass ich mich als Verkäufer der deutschen Wirtschaft betätigte. Ich empfinde das als Auszeichnung und nicht als das Gegenteil dessen. All denjenigen, die schreiben, Außenpolitik verkomme zur Außenhandelspolitik, sage ich: Dies stimmt nicht. Das kann man an ein paar Entscheidungen in den letzten Jahren sehen. Was heißt das denn? Das heißt doch wohl, dass Außenhandelspolitik, das Vertreten deutscher Interessen in anderen Ländern immer mit einem gewissen Hautgout behaftet sei. Ich sehe das nicht so. Ich sehe das als die Aufgabe eines jeden Regierungsmitglieds an, im Ausland deutlich zu machen, dass es der deutschen Regierung und keiner anderen angehört. Wenn sie oder er mit ausländischen Kolleginnen und Kollegen spricht, darf ruhig deutlich werden, dass wir uns selber für besser halten als unsere Wettbewerber aus anderen Volkswirtschaften.
Meine Damen und Herren, innovative Geschäftsideen scheitern häufig an der Finanzierung. Das hat ein bisschen damit zu tun, dass wir in der letzten Zeit ich höre, dass sich das langsam wieder bessert, was ich hoffe zu beklagen haben, dass die ureigenste Aufgabe der deutschen Bankenwelt, nämlich die Wirtschaft zu vernünftigen Konditionen und zu vernünftigen, aber nicht überzogenen Sicherheiten mit Geld zu versorgen, gelegentlich ins Hintertreffen geraten ist. Das darf auf keinen Fall so bleiben. Der Staat kann bei der Finanzierung von Innovation helfen. Er kann über die KfW und andere Institutionen helfen, was Finanzierung in bestimmten Sektionen angeht. Aber er kann nicht die Banken ersetzen wollen. Aber diese müssen dann auch ihre Aufgaben erfüllen und müssen bereit sein, auch bestimmte Risiken einzugehen, wenn Wirtschaft wirklich ausreichend mit Kapital versorgt werden soll.
Wir werden den Rahmen noch einmal verändern, was das angeht und was insbesondere Unternehmensgründer angeht. Wir werden das für die Gründung einer GmbH erforderliche Kapital auf 10.000 Euro reduzieren. Wir haben mit dem Hightech Gründerfonds dafür gesorgt, dass wir in der Gründungsphase gezielt mit Startkapital helfen können, das man von den Banken eben nicht bekommt, weil die Sicherheiten nicht ausreichen. Staat und Wirtschaft finanzieren das gemeinsam. In diesem Jahr stehen 140 Millionen Euro bereit. Die Anteile sind noch etwas ungleich verteilt: 120 Millionen Euro kommen von der Bundesregierung, jeweils 10 Millionen Euro von der KfW einerseits und der Wirtschaft andererseits. Das kann und soll sich noch aufbauen.
Ich denke, damit machen wir klar, dass wir deutlich über das hinaus wollen, was gegenwärtig geschieht. Gegenwärtig ist es so, dass in Deutschland weniger als 30 Millionen Euro jährlich für derart innovative Existenzgründungen ausgegeben werden. Das ist insbesondere im internationalen Vergleich zu wenig. Wir wollen das bis zum Jahr 2010 auf 260 Millionen Euro ausdehnen, und zwar, wie ich hoffe, in einer anderen Zusammensetzung, was die Finanzierung angeht. Wir haben angekündigt und das ist bereits im Gang , dass die Mittelstandsbank des Bundes, die KfW, die entsprechenden Förderprogramme bereitstellt, sodass wir dort auch etwas erreichen können. Es geht darum, dass vermehrt auch wieder kleinere Kreditanträge positiv beschieden werden, um solche "Start-ups" zu erleichtern, denn es ist eine wichtige Aufgabe, die Basis im Bereich der Gründungen zu verbreitern.
Meine Damen und Herren, wie ich gelesen habe, gibt es in Deutschland für so etwas ein Modell. Das ist das "Modell Furtwangen". Furtwangen ist eine Kleinstadt im Hochschwarzwald, fast 1000 Meter hoch gelegen. Dort gibt es keinen Bahnhof und keinen Autobahnanschluss. Furtwangen aber hat eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in ganz Deutschland. Man muss sich fragen und das haben wir gemacht: Warum ist das so?
Das ist so, weil das enge Tal im Schwarzwald buchstäblich voll gestopft ist mit dem, was wir "Hidden Champions" nennen, die in vielen Branchen Weltklasse anbieten, von der Steuerungstechnik bis zur Feinmechanik. Viele dieser Unternehmen sind übrigens Ausgründungen von Studenten der Fachhochschule Furtwangen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt in dem Geschehen der Gründungen. Die Hochschule ist konsequent international ausgerichtet und kooperiert mit 70 Hochschulen und Universitäten weltweit. In Furtwangen lebt bis heute also jener Geist des fleißigen Tüftelns, herrscht eine Mentalität der Standfestigkeit und existiert ein Glaube an die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Genau das sind die Haltungen, von denen ich denke, dass wir sie ganz verstärkt wieder brauchen.
Meine Damen und Herren, das Beispiel der "Hidden Champions" bietet uns auch eine Chance zur Rückbesinnung in unserer gemeinsamen Diskussion über die Perspektive, die wir in diesem Land miteinander entwickeln wollen: Firmenleitungen mit Augenmaß und Verantwortung, wirtschaftlicher Erfolg, der soziales Miteinander nicht ausgrenzt, sondern ausdrücklich einschließt. Ich denke, das kann eher als anderes zur Weltmarktführerschaft führen. Ich bin fest davon überzeugt. Ich empfinde es als ein ermutigendes Zeichen, dass sich in Wissenschaft und Gesellschaft jetzt jene Stimmen mehren, die genau das wieder anerkennen wollen, die genau dem mehr und mehr zum Durchbruch verhelfen wollen.
Wenn ich es vereinfacht ausdrücken wollte, wäre es so: Statt der billigen Parole "Geiz ist geil" müsste es eigentlich heißen: "Qualität hat ihren Preis". Wobei Qualität nicht allein das Produkt meint, sondern auch die Art und Weise seiner Herstellung. Wohlstand und ich bin davon überzeugt werden wir auf Dauer nur erhalten, wenn die deutsche Wirtschaft konsequent auf Qualität und Innovation setzt, so wie die "Hidden Champions", über die wir reden, es vormachen. Sie schreiben wirklich Erfolgsgeschichten und sind damit außerordentlich beeindruckende Beispiele für die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Sie sind nicht nur beeindruckende Beispiele, sondern auch welche, die im Grunde in die Mitte unserer augenblicklichen Diskussion gehören, die das positive Zeichen dessen sind, was wir, wenn wir uns anstrengen, wenn wir ökonomische Effizienz und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbinden, leisten können.

Abbildung: Wer das Ziel nicht kennt, - für den sind alle Wege unmöglich.